Thabisilie
„Ich habe einen Freund gemacht“
Begegnung mit der Partnerschule Thabisile, Soweto
Jedes Jahr treffen sich, das hat schon Tradition, die 4. Klassen der DSJ mit den 4. Klassen der Partnerschule Thabisile in Soweto, Diepkloof. Dieses Jahr fuhren wir mit 54 Kindern, 4 Lehrkräften, 9 Müttern und 2 Praktikantinnen in einem großen Bus und mit einem unserer Sprinterbusse dorthin. Die Aufregung war groß und die Spannung wuchs, als wir nach Soweto einbogen. Die Schule befindet sich ziemlich am Anfang der Stadt in einem Viertel, in dem sich einfache Häuser mit protzigen Gebäuden abwechseln.
Thabisile ist eine relativ kleine Grundschule und beherbergt Kinder von der Vorschule bis zur Klasse 4. Im Vergleich zu den letzten Jahren hat sich das Äußere der Schule stark verbessert. Ein starker Sicherheitszaun umgibt das Schulgrundstück. Links und rechts vom Tor prangt, schön verziert, das Motto der Schule. Ein gepflasterter Weg zum Haupteingang ist angelegt worden. Blumenrabatten säumen die Wege und den heimeligen Innenhof. Die Wände des Schulgebäudes sind in einem dunklen Grün gestrichen worden. Der Müll ist beseitigt und am Rande des Grundstückes außerhalb des Blickwinkels deponiert und wartet dort auf den Abtransport. Überhaupt macht die Schule einen zwar schlichten, aber sehr gepflegten Eindruck. Es ist keine reiche Schule.
Die Busse parkten im rückwärtigen Teil des großen Geländes, wo schon Kinder und Lehrkräfte auf uns warteten. Wir wurden herzlich begrüßt. Zwischen den Lehrkräften gab es eine Wiedersehensfreude und Frau Vilakazi, die Schulleiterin, hatte mit ihren Kolleginnen die Kinder bereits in Gruppen eingeteilt. Es gab vier Workshops: Kunsterziehung, Musik / Theater, Sport und Sachunterricht / Handarbeit. Die Gruppen waren bestens vorbereitet, das Arbeitsmaterial lag bereit, die Kinder bekamen Namenskärtchen, ein Zeitplan hing aus. Die Kinder legten schnell ihre Scheu ab und nahmen Kontakt zueinander auf. Die Erwachsenen konnten von Gruppe zu Gruppe wechseln und einen Gesamteindruck bekommen. Während der Teepause konnten sich die Kinder weiter beschnuppern. Für die Erwachsenen gab es im kleinen Lehrerzimmer, das liebevoll mit den Erinnerungsstücken aus dem letzten Jahr (Willkommensschrift und Hände) dekoriert war, ebenfalls eine kleine Stärkung, wobei intensive Austauschgespräche stattfanden. Frau Cheney hatte 2 große Kartons mit Arbeitsmaterial als Geschenk der Angestellten und Arbeiter ihrer Firma in Deutschland dabei und überreichte sie – eine willkommene Gabe.
Dann wurden die Gruppen getauscht. Jetzt war die Stimmung schon lebendiger. Dennoch ging es sehr diszipliniert zu. Ein Kompliment an alle Kinder!
Mittagessen! Die Spannung wuchs. Große Töpfe und Geschirr waren im Innenhof aufgestellt. Die Kinder stellten sich neugierig an. Manche hatten vorher schon gefragt: „Und wenn ich das nicht mag, was es dort gibt?“ Sie wurden ermuntert, alles wenigstens zu probieren, was sie auch taten. Bei der Rückmeldung am nächsten Tag stand auf so manchem Zettel auf die Frage „Worüber habe ich mich gefreut?“: „Das Essen“.
Nach dem Essen traf sich die Gemeinde in der kleinen Aula. Dort wurden die einstudierten Tänze und Lieder mit Schwung vorgetragen. Anschließend brach man zum traditionellen Rundgang durch das Viertel auf, aus dem die Kinder der Schule kommen. Die Kinder gaben bereitwillig Auskunft über ihren Lebensbereich. Erstaunlich für unsere Kinder war, dass ihre neuen Freunde zu Fuß in die Schule gehen. Ein Privileg. Für manche Erwachsenen war es sicher auch eine neue Erfahrung, zu Fuß durch Soweto zu laufen. Die Kinder hatten mehr ein Auge füreinander. Bei einigen zeigte sich die Liebe auf den ersten Blick. Die Vorfreude auf ein Wiedersehen in einer Woche war groß, als der Bus unter fröhlichem Winken abfuhr.
19. Oktober. Der Gegenbesuch war angesagt. Mit einer leichten Verspätung fuhr der Bus aus Soweto am Eingang der Grundschule vor. Die Schulleiterin kam mit dem eigenen Auto, zusammen mit Daniel, dem engagierten Kunstlehrer. Etwas schüchtern standen unsere Kinder zur Begrüßung bereit. Ob sie ihren neuen Freund, ihre neue Freundin wiedererkannten? „Die sehen alle gleich aus,“ sagte ein Mädchen. „Danke, gleichfalls“, werden sich wohl die Thabisile - Kinder gedacht haben. Aber es waren nur kurze Augenblicke der Zurückhaltung. Bereits auf dem Weg in den Examensraum, wo die Begrüßung und Einteilung der Gruppen für die 7 vorbereiteten Workshops stattfinden sollte, hörte man aufgeregtes Geschnatter. Nach einem Begrüßungslied wurden die Kinder den Lehrkräften zugeteilt. Die mitgereisten Lehrerinnen und Eltern mitsamt Baby auf dem Rücken suchten sich eine Gruppe aus, bei der sie zuschauen wollten. Sehr begehrt war „Physikalische Experimente“ im Physikraum der Oberschule mit Herrn Jeschke. Aber auch die anderen Workshops waren so ausgesucht worden, dass sie etwas anboten, was die Kinder in Soweto nicht in dieser Form haben, von Kunst über Englisch, Tanz, Kochen und Backen bis zu Aerobic und Geräteturnen.
In der Teepause kam von einer Lehrerin der spontane Wunsch, ob sie die Vorschule sehen dürfte. Das ließ sich spontan mit einer flexiblen Frau Kruse organisieren. Dem Wunsch schlossen sich ebenso spontan mehr als 10 Begleiterinnen mit Baby an. Die Vorschule hatte sie ebenfalls sehr begeistert. Am liebsten wären sie gleich dort geblieben.
Nach dem gemeinsamen Mittagessen stellten wir fest, dass es sehr gut geschmeckt hat, dass wir aber bei uns wesentlich mehr Müll produziert hatten als vor einer Woche in Soweto.
Am Schluss gab es im Examensraum wieder eine Präsentation dessen, was am Vormittag gemacht wurde, sofern das möglich war. Die Gruppe „Kochen und Backen“ hatte schon alles aufgegessen. Aber die Aerobic- und die Tanzgruppe zeigten ihre Produkte. In der Kunstgruppe waren mit der Collagetechnik beeindruckende Gesichter entstanden, die die Sowetokinder mitnehmen durften. Einige ganz Mutige versuchten auf Deutsch und Englisch zu erklären, wie durch Reibung Licht entsteht. Dann hieß es Abschied zu nehmen. Das Lied vom Anfang taugte auch für den Schluss. Der Bus wartete pünktlich vor dem Eingang und unter großem Bedauern, Umarmungen und heftigem Winken fuhren die Besucher wieder nach Hause. Auch die Schulleiterin grüßte noch einmal aus ihrem Auto und verließ das Schulgelände der DSJ. Plötzlich stand der Kunstlehrer da, heftig gestikulierend und schimpfend. Die Schulleiterin war ohne ihn abgefahren, konnte aber Gottseidank per Handy zurückgeholt werden. Ein Dank an die moderne Technik!
Eine Aussage einer Mutter aus Soweto fasste die Begegnung zusammen, als sie sagte: „Wir haben uns so richtig willkommen gefühlt.“ Und mehrere unserer DSJ – Kinder schrieben auf den Rückmeldezettel: „Ich habe einen Freund gemacht.“
19.10.2010
Franz Binn, Grundschulleiter

